Welche Bewertungsmethoden gibt es in der Schweiz?
In der Schweizer Praxis haben sich drei Bewertungsmethoden etabliert. Keine davon ist per se «richtig» oder «falsch» — die Wahl hängt vom Bewertungsanlass, der Art des Unternehmens und der verfügbaren Datenbasis ab.
Substanzwertmethode
Die Substanzwertmethode ermittelt den Wert eines Unternehmens anhand seiner Bilanz. Alle Aktiven werden zum Verkehrswert bewertet, alle Verbindlichkeiten abgezogen. Das Ergebnis ist der Netto-Substanzwert — der Betrag, der bei einer Liquidation der Gesellschaft theoretisch an die Aktionäre fliessen würde.
Berechnung:
Substanzwert = Summe aller Aktiven (zu Verkehrswerten) − Summe aller Verbindlichkeiten
Die Substanzwertmethode ist einfach und nachvollziehbar, erfasst aber keine immateriellen Werte wie Kundenstamm, Know-how oder Marktposition. Sie eignet sich daher vor allem für vermögensschwere Gesellschaften (z. B. Immobilien-AGs, Holdinggesellschaften) und als Untergrenze der Bewertung.
Ertragswertmethode
Die Ertragswertmethode bewertet ein Unternehmen anhand seiner zukünftigen Ertragskraft. Der bereinigte, nachhaltige Jahresgewinn wird mit einem Kapitalisierungssatz kapitalisiert. Diese Methode beantwortet die Frage: «Welchen Preis müsste ein Käufer bezahlen, damit die Rendite auf dem eingesetzten Kapital einer marktgerechten Verzinsung entspricht?»
Berechnung:
Ertragswert = Nachhaltiger Jahresgewinn ÷ Kapitalisierungszinssatz
Der Kapitalisierungssatz berücksichtigt den risikofreien Zinssatz (derzeit rund 1,0–1,5 % für Schweizer Bundesobligationen), einen Branchenzuschlag und einen Grössenzuschlag. Für KMU liegt der Kapitalisierungssatz in der Regel zwischen 8 % und 15 %.
Beispiel: Ein KMU mit einem nachhaltigen Jahresgewinn von CHF 200'000 und einem Kapitalisierungssatz von 12 % hat einen Ertragswert von CHF 1'666'667.
DCF-Methode (Discounted Cash Flow)
Die DCF-Methode ist die in der internationalen Bewertungspraxis am weitesten verbreitete Methode. Sie bewertet ein Unternehmen anhand der erwarteten zukünftigen freien Cashflows, die auf den heutigen Zeitpunkt abgezinst werden. Im Gegensatz zur Ertragswertmethode berücksichtigt die DCF-Methode jährlich schwankende Cashflows und einen separaten Residualwert (Terminal Value).
Berechnung:
DCF = Summe der abgezinsten freien Cashflows (Planperiode) + abgezinster Residualwert
Der Abzinsungssatz (WACC — Weighted Average Cost of Capital) spiegelt die Kapitalkosten wider und umfasst sowohl Eigen- als auch Fremdkapitalkosten. Für Schweizer KMU liegt der WACC typischerweise zwischen 10 % und 18 %.
Vergleich der Bewertungsmethoden
| Kriterium |
Substanzwert |
Ertragswert |
DCF |
| Beschreibung |
Bilanzbasiert: Aktiven minus Verbindlichkeiten zu Verkehrswerten |
Kapitalisierung des nachhaltigen Jahresgewinns |
Abzinsung zukünftiger freier Cashflows |
| Geeignet für |
Holding-AGs, Immobiliengesellschaften, Mantelgesellschaften, Liquidationen |
Stabile KMU mit gleichmässigem Ertrag |
Wachstumsunternehmen, Startups, komplexe Gesellschaften |
| Vorteile |
Einfach, nachvollziehbar, objektiv überprüfbar |
Berücksichtigt Ertragskraft, praxiserprobt, steuerlich anerkannt |
Berücksichtigt Wachstum und Cashflow-Schwankungen, internationaler Standard |
| Nachteile |
Ignoriert immaterielle Werte und Zukunftspotenzial |
Vereinfacht (konstanter Gewinn), subjektiver Kapitalisierungssatz |
Stark prognoseabhängig, aufwendig, viele Annahmen |
| Kosten (Richtwert) |
CHF 2'000 – 5'000 |
CHF 3'000 – 8'000 |
CHF 5'000 – 15'000+ |
Steuerliche Bewertung: Die Praktikermethode
Für steuerliche Zwecke — insbesondere die Vermögenssteuer — verwenden die Schweizer Steuerbehörden die sogenannte Praktikermethode gemäss dem Kreisschreiben Nr. 28 der SSK. Diese gewichtet den Ertragswert doppelt und den Substanzwert einfach:
Steuerlicher Verkehrswert = (2 × Ertragswert + 1 × Substanzwert) ÷ 3
Die Praktikermethode ist für steuerliche Zwecke verbindlich, gilt aber nicht zwingend als Massstab für den Preis bei einem Unternehmensverkauf. In der Praxis liegt der tatsächliche Transaktionspreis häufig über dem steuerlichen Wert — weil immaterielle Werte, strategische Prämien oder Synergien den Preis treiben.